Verbessern Sie Ihr kritisches Denkvermögen

Verbessern Sie Ihr kritisches Denkvermögen

Wer nicht Tag aus Tag ein nach demselben Schema und nach Vorgabe, sondern in strategischen Themen und langfristigen Projekten arbeitet, wird häufig in die Situation kommen, Entscheidungen treffen zu müssen. Entscheidungen, die in die eine oder die andere Richtung führen. Für solche Entscheidungen ist es wichtig, nicht impulsiv zu handeln, sondern zu überlegen, abzuwägen und mit kritischem Sachverstand den bestmöglichen Weg zu finden. Das kritische Denken, das Denken auf einer Metaebene, sozusagen das Denken über das Denken können an dieser Stelle der Schlüssel für die passende Entscheidung sein.

Unter dem Zeitdruck, der heute in vielen Projekten und Arbeitspositionen herrscht, neigen viele Mitarbeiter dazu, auch wichtige Entscheidungen schnell zu treffen. Manchmal zu schnell, ohne zuvor die Angelegenheit umfassend, kritisch und von möglichst vielen Seiten zu betrachten. Zur Veranschaulichung: Der Projektmanager selbst hat eine Sichtweise, eine andere hat jeder einzelne Projektmitarbeiter, wieder eine andere das Management des Unternehmens und noch eine andere möglicherweise der Kunde, der das Projekt am Ende abnimmt. All diese Facetten sollte der Projektmanager, der die Entscheidung trifft, im Blick haben, kritisch abwägen und mit berücksichtigen.

Kritisches Denkvermögen ist nicht angeboren, sondern eine Fähigkeit, die man lernen kann. Dazu reicht als Ausgangspunkt ein gewisses Bewusstsein über das eigene Denken. Drei Grundregeln können das Denken in eine kritischere Richtung lenken.

1. Hinterfragen Sie Mutmaßungen und Vermutungen
Dinge zu hinterfragen, bedeutet selbstverständlich nicht, wirklich alles, auch Selbstverständlichkeiten oder Dinge, die wir nicht beeinflussen können, in Frage zu stellen. Es hilft nicht, wenn wir anzweifeln, dass das Wasser, das wir trinken, tatsächlich durchsichtig ist. Genausowenig wie die Vermutung hilft, dass die schlechte Laune des Chefs auf jeden Fall und ausschließlich darauf schließen lässt, dass das Geschäft nicht gut läuft. Es beginnt also damit, ein Gefühl dafür zu bekommen, wann es im Arbeitsalltag sinnvoll ist, Dinge in Frage zu stellen.

Sobald es um Entscheidungen für eine langfristige Strategie und Entwicklung des Unternehmens geht, sollten Sie sich ein paar grundlegende Fragen stellen, um Ihre Vermutungen zu erweitern und zu untermauern. Woher wissen Sie eigentlich, dass die Unternehmenszahlen wachsen werden? Welche Informationen geben Wirtschaftsforschungen zusätzlich zu Ihrem eigenen Ansatz? Haben Sie das Kundenverhalten in allen Facetten durchdrungen oder gibt es Dinge, die Sie in Ihre Betrachtungen mit aufnehmen müssen? Dadurch bekommen Sie ein Gefühl für Ihre eigene Denkweise und machen sich Fakten bewusst, die Sie bei Ihrer Bewertung und Entscheidung unterstützen können.

Eine weitere Methode, Mutmaßungen zu hinterfragen (und entweder abzuschwächen oder zu untermauern), ist, sich zu jeder Annahme Alternativen zu überlegen. Welche Risiken und Möglichkeiten bestehen, wenn Partnerschaften mit Zulieferern platzen? Was passiert beispielsweise, wenn die Kunden ihr Kaufverhalten ändern und es nicht mehr den bisherigen Parametern entspricht? Was, wenn ein bestimmter Mitarbeiter an einer neuralgischen Stelle das Unternehmen verlässt? Mit derartigen Überlegungen und Antworten bekommen Sie ein runderes, vollständigeres Bild eines Sachverhalts.

2. Argumentieren Sie durch Logik
Oft genug nehmen wir Dinge und Umstände als gegeben hin. Erst auf den zweiten Blick merken wir plötzlich, dass an einem Punkt die Logik fehlt. So ein Logikfehler kann manchmal über Jahre in der Strategie eines Unternehmens kolportiert werden. Er kann die Erfolge des Unternehmens auf einem niedrigeren Niveau halten als möglich wäre, ohne dass jemand bemerkt, woran es liegt.

Schauen Sie sich also innerhalb Ihres Teams oder Ihrer Organisationseinheit genau an, wie die Logikkette für die Unternehmens- und/oder Teamstrategie aufgebaut ist und wie in Meetings argumentiert wird. Sind tatsächlich alle Argumente durch Beweise belegt? Und bauen Argumente wie auch deren Beweise logisch aufeinander auf, stehen also in einem direkten logischen Kettenverhältnis?

Hierbei hilft es auch, sich klassischer Denkfehler und Fehlargumentationen bewusst zu werden. Häufig taucht zum Beispiel das Phänomen „Post hoc ergo propter hoc“ auf: Weil Ereignis B auf Ereignis A folgt, hält man Ereignis A für die Ursache für Ereignis B. Wo oft nur eine zeitliche Abfolge vorliegt, greifen Menschen diese auf und machen aus ihr einen kausalen Zusammenhang zwischen A und B, weil diese Kausalität ihrer Argumentation hilft. Wir alle tappen manchmal in diese Falle. Diesen Denkfehler bei sich selbst und bei anderen aufzuspüren, ist ein wichtiger Punkt, um Logikketten zu verstehen und ggf. als fehlerhaft zu entlarven und neu aufzubauen.

3. Suchen Sie nach Gedankenvielfalt und Zusammenarbeit
Es ist ein ganz natürliches und weit verbreitetes Phänomen, dass Menschen sich mit anderen Personen zusammentun, die gleiche Interessen und Meinungen vertreten. Dies passiert im Privatleben wie auch in der Berufswelt. Auf lange Sicht ist es aber problematisch, denn je mehr wir die Dinge von anderen hören, die wir selbst bereits glauben und in der Folge noch stärker glauben, desto rigider und unflexibler werden wir in unserem Denken und Handeln. Selbst wenn wir mit neuen Informationen konfrontiert werden, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir sie nicht zu einem neuen Gedankenspiel verarbeiten, sondern sie schlichtweg in unsere altbekannten Denkmuster einbetten.

Um gedanklich produktiv zu sein, im Sinne von Neu-Produktion, Fortschritt und Verbesserung, ist es entscheidend, uns außerhalb unserer eigenen kleinen Blase zu bewegen. Der gedankliche Austausch mit anderen, das Zusammentreffen unterschiedlicher Meinungen und Sichtweisen hilft uns nicht nur, die oben erwähnten Fehlargumentationen (auch unsere eigenen) zu entlarven, sondern bringt uns auf neue Ideen.

Ihren Zirkel erweitern Sie schon mit ersten kleinen Schritten. Suchen Sie, wenn Sie im Projektmanagement arbeiten, den Kontakt zu Kollegen aus anderen Fachbereichen, um andere Sichtweisen auf Themen des Unternehmens und Impulse für die eigene Arbeit zu bekommen. Wenn Sie in einem jungen Team arbeiten, gehen Sie auch mal mit (betriebs-) älteren Kollegen zum Mittagessen. Sie werden von deren Lebens- und Arbeitserfahrung profitieren.

Hier schließt sich der Kreis: Durch den Austausch mit Andersdenkenden erweitern Sie Ihren Horizont, werden flexibler und präziser in Ihren Denkansätzen und Argumentationen, darüber hinaus hinterfragen Sie althergebrachte Annahmen und Vermutungen. Es sind dies drei simple Taktiken, die dennoch in der Praxis schwieriger werden und nicht überall in der Berufswelt anzutreffen sind, vor allem, weil man für ihre Umsetzung ein gewisses Maß an Zeit braucht. Eine Investition jedoch, die sich lohnt. Schließlich sind große Unternehmenserfolge (und damit auch Erfolge von Teams und einzelnen Mitarbeitern) nie nur reines Zufallsprodukt, sondern ergeben sich vor allem aus gut durchdachten Überlegungen, intelligenten Strategien und Ideen von Mitarbeitern, die um die Ecke denken.