Spezialisierung oder Generalisierung?

Spezialisierung oder Generalisierung?

6 Fragen, die Ihnen helfen, den für Sie richtigen Weg einzuschlagen

Der Arbeitsmarkt macht es einem nicht immer leicht. Das Angebot an Stellen ist groß, aber die Anforderungen in den Stellenausschreibungen sind oft nicht weniger umfassend – und können einen manchmal auch abschrecken. Passt man überhaupt? Bringt man die nötige Spezialisierung und entsprechende Fachkenntnisse mit? Aber ist die Spezialisierung eigentlich immer sinnvoll oder verbaut man sich damit möglicherweise für die Zukunft den Wechsel in andere, verwandte oder auch entfernte Themen, die man als Generalist durchaus anpacken könnte?
Die folgenden sechs Fragen – und ihre persönlichen Antworten darauf – können Ihnen helfen, sich zu entscheiden, ob eine Karriere als Spezialist oder als Generalist für Sie die bessere berufliche Perspektive ist.

1. Welche Leute bewundere ich, mit welchen Menschen arbeite ich gerne zusammen?

Begeistert es Sie, wenn sich ein Spezialist mit Ihnen über sein Fachgebiet unterhält? Werden Sie neugierig und hibbelig, wenn Sie seine Expertise und sein Fachwissen hören?
Wenn Sie in Gesprächen mit Fachleuten das Gefühl haben, Ihre Neugierde zieht Sie in einen Kanal hinein, in dem Sie immer detaillierte Fragen stellen und immer mehr detaillierte Antworten bekommen wollen, dann könnten Sie der richtige Typ für Spezialisierung sein.
Fallen Ihnen hingegen keine Fragen ein, sind vielleicht sogar gelangweilt oder verwirrt von allen Ihnen gebotenen Informationen, dann sind Sie womöglich kein Tieftaucher, sondern jemand der an der Oberfläche schwimmt. Das ist nicht gut oder schlecht – die Wirtschaft braucht beide Typen.

2. Macht es mich glücklich, mich den ganzen Tag mit einer Sache zu beschäftigen?

Wenn Sie im Finanzsektor arbeiten, kann man das in alle möglichen Richtungen auslegen. Für diejenigen, die gerne Abwechslung in ihrem Aufgabengebiet haben – von Debitorenbuchhaltung über Finanzierung hin zu Budgetierung - , wäre die Spezialisierung auf nur ein Gebiet der Horror.
Wenn Sie aber verschiedene Fachbereiche durchlaufen haben und aus (plötzlichem) Interesse ein bestimmtes Gebiet in seinen Tiefen ergründen wollen, dann sollten Sie diesen Schritt auch gehen. Dabei kann es helfen, sich mit Menschen zu unterhalten, die in den von Ihnen angestrebten Positionen arbeiten, damit Sie einen Eindruck von den wirklichen Aufgaben und dem Arbeitsalltag bekommen.

3. Muss ich mich weiterbilden, um mich beruflich auf meinen Interessenschwerpunkt zu fokussieren?

Wirtschaftsprüfer und Juristen z. B. sehen sich oft schon recht früh in ihrer Karriere mit dieser Frage konfrontiert. Steuerberatung und Steuerrecht können beispielsweise ein schneller Weg zu einem hohen Einkommen sein, allerdings setzen sie auch eine hohe Qualifikation in Form von Studienabschlüssen und laufende Weiterbildungen zur Spezialisierung voraus.
Wenn Sie so in sich selbst investieren und noch einmal die Schulbank drücken wollen, ist dies eine Art Langzeitverpflichtung für Ihren beruflichen Zweig. Seien Sie also sicher, dass sie diesen Beruf wirklich lieben (und sich die Weiterbildungen finanziell leisten können).

4. Wird die Spezialisierung meine Work-Life-Balance verbessern oder verschlechtern?

Laut Malcom Gladwell‘s Buch Outliers: The Story of Success benötigt man 10.000 Stunden, um in irgendetwas ein Experte zu werden.
Sind Sie bereit, sehr viel Zeit bei der Arbeit zu verbringen, um ein Fachexperte zu werden? Wie wird das Ihr Verhältnis zu Ihrer Familie und Ihren Freunden beeinflussen? Es wäre klug, zuerst nach deren Meinung und Rat zu fragen. Und dann entscheiden Sie für sich selbst, ob eine Spezialisierung Ihnen im Gegenzug vielleicht Dinge nimmt, die Sie außerhalb der Arbeit lieben und schätzen.

5. Verschließe ich mich selbst vor zukünftigen Karriereoptionen, wenn ich mich zu eng fokussiere?

Es ist wichtig, sich zu überlegen, ob eine Spezialisierung letzten Endes Ihre Karrierechancen im weiteren Verlauf einschränkt. Nutzen Sie Ihr Netzwerk, um in Gefühl dafür zu bekommen, wohin eine Spezialisierung Sie bringen könnte – und ob das nun interessant für Sie ist.
Seien Sie sich außerdem dessen bewusst, ob Sie sich in einem großen oder einem kleinen Unternehmen wohler fühlen. Kleinere Firmen brauchen für gewöhnlich (aber auch nicht immer!) mehr Generalisten, die verschiedene Bereichen bearbeiten können und wollen, wohingegen große Unternehmen eher nach dem Motto „Teile und herrsche“ funktionieren und daher die Herausforderungen in Teams von Experten angehen.

6. Was ist mein langfristiges Ziel?

Wenn Sie am Ende andere Menschen führen wollen, sollten Sie besser einen Fuß im Feld der Generalisten lassen. Als Chef müssen Sie über Ihr eigenes Spezialgebiet hinaus Glaubwürdigkeit besitzen, um andere führen zu können. Das geht am besten, wenn man verschiedene Bereiche (mit ihren Eigenheiten und Schwierigkeiten) auch aus praktischer Erfahrung kennt.
Wenn Ihnen eine Führungsposition nicht wichtig ist, sondern das Fachgebiet für Sie im Vordergrund steht, kann eine Spezialisierung der richtige Weg sein.

Vielleicht kennen Sie schon genug richtige Personen, die bereit sind, in Sie zu investieren und Sie bei Ihrer Entscheidung zu beraten, ob Sie in der Zukunft Generalist oder Spezialist sein wollen – vielleicht auch nicht.
Wenn nicht, ist das in Ordnung. Aber ein ausgeprägtes Netzwerk ist häufig der Schlüssel, um diese Entscheidung zu treffen. Sprechen Sie mit Kollegen in Ihrem jetzigen Job, die Ihnen ein paar Jahre voraus sind. Oder treten Sie in Kontakt mit ehemaligen Kommilitonen von Ihrer Universität. Oder überlegen Sie sich, ob Sie vielleicht einen Karrierecoach zu Rate ziehen wollen, der auf Ihre Branche oder Ihren Arbeitsbereich spezialisiert ist.

Überstürzen Sie die Entscheidung aber auf keinen Fall. Sie sollten auch wissen, dass Sie Ihre Meinung jederzeit ändern können, wenn Ihnen Zweifel kommen. Hören Sie aber auf Ihre Zweifel, denn je früher Sie sich für den jeweils anderen Weg entscheiden, desto einfacher wird es für Sie in der Umsetzung. Lesen Sie Fachartikel und Blogs, sprechen Sie über einer Tasse Kaffee mit Leuten, deren Erfahrung oder Meinung Sie hören wollen. Kurz gesagt, nehmen Sie sich Zeit. Denn es geht um Ihren beruflichen Weg!