Sankt Petersburg - Tor zwischen Ost und West

Sankt Petersburg - Tor zwischen Ost und West

Den meisten ist Sankt Petersburg als touristisches Ziel ein Begriff. Vor allem im Rahmen von Ostseekreuzfahrten ist die Stadt ein beliebtes Ziel und hat in den vergangenen Jahren einen stets wachsenden Besucherzulauf bekommen. Einem kommen Bilder von Zarenpalästen, Schlossparks, die Eremitage oder die Weißen Nächte von Sankt Petersburg in den Sinn.

Aber Sankt Petersburg ist mehr als nur romantisches Urlaubsziel. Es ist mit seinen über 5 Millionen Einwohnern eine der größten Städte Europas, zweitgrößte Stadt Russlands und mit seinem Hafen ein bedeutendes ökonomisches Zentrum in Russland und im Ostseeraum. 1703 von Peter dem Großen auf Sumpfland gegründet, beherbergte die Stadt schon immer und bis heute Russlands wichtigsten Ostseehafen. Durch die Lage an der Mündung der Newa in die Ostsee ist das Land auf dem Seeweg mit West-, Nord- und Zentraleuropa verbunden. Es handelt sich, genau genommen, nicht um einen Hafen von Sankt Petersburg, sondern um einen ganzen Hafenkomplex, der das Hafen- und Industriegebiet Sankt Petersburg sowie weitere Anlandungs- und Umschlagplätze in unmittelbarer Umgebung umfasst. Ein Großteil liegt auf den Inseln im Newadelta.

Am Warenumschlag gemessen, ist der Hafen von Sankt Petersburg – nach Noworossijsk am Schwarzen Meer – der zweitgrößte Russlands und einer der größten von Europa. Rund 2000 Menschen arbeiten im Hafen von Sankt Petersburg, um die ganze Logistik abzuwickeln.. Hinzu kommen von ihm abhängige Arbeitsplätze und Jobs in der angegliederten Industrie und im Transportwesen, welches sich an den Hafenumschlag anschließt. Insgesamt verfügt der Hafen über Terminals für den Seehandel, einen Erdölterminal, Werften für Schiffsneubau und -reparaturen sowie Passagierterminals. Die verschiedenen logistischen Bereiche werden teils staatlich, teils durch Privatunternehmen betrieben. In einer Art Leasing-Verhältnis sind rund 25 Unternehmen für den Betrieb und Unterhalt der einzelnen Bereiche, seien es Terminals, Kais oder Lagerhallen, verantwortlich.

Das Kernstück ist der von einem Staatsunternehmen geführte Seehafen von Sankt Petersburg, in dem der weitaus größte Teil des Warenumschlags abgewickelt wird. Es ist ein über Jahrhunderte gewachsenes Gebiet, das erst 2009 als ein Bereich definiert und in verschiedene Terminals unterteilt wurde. Die meisten davon verfügen über einen Anschluss an das Schienennetz und direkten Zugang zum Straßennetz, was den unmittelbaren Antransport aus bzw. Weitertransport ins restliche Russland per Bahn ermöglicht. Auf einer Gesamtlänge von 5,3 km befinden sich 31 Anlegestellen, an denen 39 Brückenkräne mit bis zu 40t Hubvermögen sowie ein Schwimmkran mit 300t Hubvermögen die Schiffe be- und entladen.

Betrachtet man das gesamte Hafengebiet von Sankt Petersburg mit all seinen Teilhäfen, so erstreckt es sich über eine Kailänge von 31km. An 200 Liegeplätzen dürfen Schiffe mit einer Länge von bis zu 320m, einer Breite von bis zu 42m und einem Tiefgang von bis zu 11m anlegen. Schiffe, die diese Maße übersteigt, kann zwar bis zu einer gewissen Größe auch festmachen, bedarf aber einer vorherigen schriftlichen Genehmigung der Hafenbehörden. Insgesamt 122 Schlepper sorgen im Hafenbetrieb für das reibungslose Manövrieren und Anlegen der großen Pötte. Da der Hafen wie wohl alle Häfen dieser Welt an 365 Tagen im Jahr rund um die Uhr angefahren wird, bedeutet das im Herbst und Winter für die Kapitäne häufig die Konfrontation mit schwierigen Wetterbedingungen. Durch Winde kann der Wasserpegel von einem Meter bis zu vier Metern variieren. Vereisung der Wasseroberfläche tut im Winter ein Übriges. Dafür sorgen dreizehn Eisbrecher für eine freie Fahrrinne und sicheres Geleit der Schiffe an die Ladeplätze und wieder ins offene Meer.

Sankt Petersburg hat einen Hafen, der sich stetig und schrittweise entwickelt hat. Anders als in anderen Hafenstädten der Welt, in denen plötzlich mit einer großen Entscheidung große Neuerungen umgesetzt werden (vgl. unser Artikel zu Shanghai, wo ab 2005 ein komplett neuer Hafen mitten im Meer gebaut wurde), hat man sich in Sankt Petersburg den ständigen Veränderungen angepasst. Man hat Notwendigkeiten erkannt, Strukturen verändert, Bestehendes umgebaut und ergänzt. Bereits 1973 wurde der erste Containerterminal eröffnet, der 1998 modernisiert und seitdem unter dem Namen First Container Terminal (FCT) in Gebrauch ist. Mit einem großen Investitionsprogramm legte man 2015 den Schwerpunkt auf die Modernisierung der Verladetechnik verschiedener Terminals und läutete außerdem das zweite Stadium des FCT ein. Eine Vielzahl modernster Kräne erwirkt am FCT heute eine Umschlagkapazität von 1,25 Mio. TEUs, die Lagerkapazität liegt bei 31.000 TEUs und 2900 Reefer-Containern. Die großen Linien gehen vom FCT nach Antwerpen, Rotterdam, Hamburg und Bremerhaven.

Ein weiterer großer Schritt in Richtung Zukunft war der Bau eines Tiefseecontainerhafens, der 2011 in Betrieb genommen wurde. Er befindet sich in Ust-Luga, das bereits zuvor als Hafen für den Export russischer Rohstoffe fungierte. Ust-Luga liegt zwar 100 km westlich von Sankt Petersburg, und ein Nachteil ist sicherlich der zusätzlich Landweg, der sich per Schiene oder Straße für die Korrespondenz mit den Haupthäfen Sankt Petersburg ergibt. Allerdings gab und gibt es auch viele Aspekte, die für den Ausbau zum Tiefseehafen sprachen. Es war zum einen die grundsätzliche Notwendigkeit eines Tiefseehafens für Containerschiffe. Zum anderen aber ist für die Schifffahrt die Eisperiode in Ust-Luga rund zwei Monate kürzer als im nahegelegenen Sankt Petersburg. Darüber hinaus kann ein Wartestau mit Tankern und Passagierschiffen vermieden werden. Und die Fahrtzeiten nach Nord- und Westeuropa verkürzen sich um ein bis zwei Tage.

Bis 2025 sollen die Arbeiten in Ust-Luga weitergehen. Dann, so die Planung, werden Umschlagkapazitäten für 3 Mio. TEU erreicht sein. Man will den Hafen von Sankt Petersburg weniger abhängig machen von den Partnerschaften mit finnischen und baltischen Häfen. Und schließlich wird Ust-Luga als logistisches Zentrum und als Teil der Häfen von Sankt Petersburg der technologisch modernste Hafen von Russland und ganz Osteuropa sein. Sankt Petersburg, das Tor für Russland nach Nordwesteuropa. Aber auch für Europa eine offene Tür in das Riesenreich Russland, das sich speziell in den letzten dreißig Jahren so stark wirtschaftlich entwickeln hat.