Montreal – alt und neu

Montreal – alt und neu

Das Neue, das Aktuelle, das Alltägliche hat häufig einen älteren Vorgänger. Das moderne Transportsystem aus Containern mit RFID-Chip hat seine Wurzeln in einem einfachen System von Boxen und Paletten, die manuell und mit Hebewerkzeug sortiert und verladen wurden. Das zukunftsträchtige Containerschiff, das mit Strom aus Windkraft angetrieben wird, steht (zumindest vorerst) am Ende einer langen Kette von Erfindungen, die beim Dampfschiff mit schwarzen Rußwolken angefangen hat. Auch die Häfen dieser Welt haben im Laufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte ihr Gesicht verändert, teilweise sind Häfen von gestern den Häfen von heute gewichen. Die alten wurden stillgelegt, neue wurden aufgebaut. Montreal ist ein Beispiel dafür, wie ein alter Hafenkomplex ausdient und ein neues Areal in Betrieb genommen wird. Allerdings hat man in vorbildlicher Weise das alte Gelände nicht einfach dem Verfall preisgegeben oder direkt abgerissen, sondern es als historisches Kulturgut, das heute den Charme eines Stadtviertels mitprägt, gehegt und gepflegt und in den kulturellen Kalender der Stadt integriert.

Montreal Old Harbour

Das, was man heute als Alten Hafen von Montreal bezeichnet, wurde bereits 1611 von französischen Pelzhändlern als Handels- und Umschlagplatz genutzt. Erst 1646 wird aber Montreal als Stadt begründet, und mit fortschreitender Entwicklung des Pelzhandels werden dann 1760 die ersten Hafenanlagen errichtet. Zunächst beschränkt sich der Handel auf den Abschnitt zwischen Montreal und Québec, mit einem Durchbruch 1825 ist dann auch die Fahrt in die andere Richtung den St.-Lorenz-Strom hinauf zu den Großen Seen möglich. 1850 ist Montreal in der Lage, Überseeschiffe aufzunehmen, im Hinterland breitet sich das Eisenbahnnetz aus, und einige Jahre später dann hat es sich zu Kanadas wichtigstem Knotenpunkt für maritimen und Schienentransport entwickelt. Mit großen Investitionen der Regierung werden Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts Kaianlagen, Docks, Hebevorrichtungen, Kühllager und Silos gebaut. Montreal gilt 1922 als größter Getreideumschlagplatz der Welt. 1928 erreicht der gesamte Warenumschlag des Hafens den Höhepunkt von 12,5 Mio. Tonnen. Als dreißig Jahre später der St.-Lorenz-Seeweg, ein Wasserstraßensystem aus Kanälen und Schleusen, in Betrieb genommen wird, können Ozeanschiffe vom Atlantik den St.-Lorenz-Strom hinauf bis in die Großen Seen fahren, ohne in Montreal Halt zu machen. Der Hafen von Montreal erfährt dadurch einen deutlichen Rückgang der Aktivitäten. 1963 wird er zu historischen Gebiet erklärt, und mit der Eröffnung eines neuen Hafengebietes weiter nordöstlich im Jahr 1976 findet der nunmehr Alte Hafen von Montreal ein Ende in seiner bisherigen Funktion.

Port of Montreal

1600 km vom Atlantik den St.-Lorenz-Strom hinauf gelegen, geht von Montreal aus die kürzeste Verbindung für Containerschiffe zwischen Nordamerika und Europa. Bereits 1968, also noch vor der offiziellen Inbetriebnahme als Gesamthafen, wird im neuen Hafengelände der erste Containerterminal von Kanada gebaut, wo 1977 der 1-millionste TEU-Container umgeschlagen wird. Auf der Island of Montreal angelegt, umfasst das neue Hafenareal 6,35 km² und streckt sich 26 km am Flusslauf entlang. Die Hafenverwaltung besitzt außerdem eine Zweigstelle des Hafens und weiteres Gelände in Contrecoeur, 40 km den Strom hinab. Da man bereits heute weiß, dass die Kapazitäten auf der Island of Montreal irgendwann ausgeschöpft sein werden, hat man mit diesem zweiten Standort zukünftig die Möglichkeit, den Containerumschlag trotzdem weiter hochzufahren.

Montreal hat nach Vancouver den zweitgrößten Containerhafen des Landes. Dieser verfügt über drei internationale Containerterminals sowie einen weiteren für den inländischen Umschlag, an denen bis zu 300m-lange Ozeanschiffe anlegen können. In diesen Terminals übernehmen fünfzehn Kaikräne den kompletten Be- und Entladeprozess, jeder einzelne kann dabei zwischen 40 und 65 t heben. Desweiteren hat der Hafen fünfzehn zusätzliche Terminals für das Handling von Flüssig- und Trockenmassen, Getreide und Stückgut. Zwei Drittel von Kanadas internationalem Handel laufen hier durch, der Handel mit Nordeuropa liegt mit 44% auf dem ersten Platz, 20% gehen in den Mittelmeerraum, 15% nach Asien. Laut dem letzten Report des Hafenmanagements wurde der jährliche Umschlag mit 30 Mio. Tonnen beziffert – was einer Horde von 6 Mio. Elefanten entsprechen würde. Die umgeschlagenen Güter hatten einen Warenwert von umgerechnet etwa 26 Mrd. €, woran der kanadische Staat einen Nutzen von 1,3 Mrd. € hat. Aber der Staat, die regionale und die Stadtverwaltung investieren auch in den Hafen. So wurde ein elektronisches Navigationssystem für den St.-Lorenz-Strom implementiert, neue Autobahnzubringer, die die Zufahrt für LKW erleichtern und an anderer Stelle die Straßen der Stadt entlasten, sollen gebaut werden. Und nicht zuletzt werden auch Initiativen der Nachhaltigkeit und des Umweltschutzes mit Geldern gefördert. Die Hafenverwaltung Montreal Port Authority (MPA) implementiert seit 2001 laufend Richtlinien und Vorschriften, die der Eindämmung von Negativauswirkungen auf die Umwelt und der nachhaltigen Schifffahrt dienen sollen. Mit verkürzten Zufahrtswegen und z. B. einer Flotte von Hybridfahrzeugen, die innerhalb des Hafengeländes unterwegs sind, konnten Emissionen bereits drastisch reduziert werden. Schiffe, die strengere Umweltauflagen erfüllen, erhalten Rückvergütungen für Liege- und Ladezeiten. Mit diesen und ähnlichen Initiativen ist die MPA international vorne mit dabei, wenn es um zukunftsträchtige Maßnahmen für eine verhältnismäßig nachhaltige Hafenwirtschaft geht.

Old is gold

Was tun mit dem alten, außer Betrieb geratenen Hafengelände? Den Alten Hafen von Montreal nach der Eröffnung des neuen Hafens einfach seinem Schicksal und dem Zahn der Zeit zu überlassen, war für die Kanadier keine Option. Sie haben den Sinn des Auspruchs „Old is gold“ verstanden, dass in allem Alten also ein Wert steckt, den man nicht einfach wegwirft. Bereits 1977 wurde auf Regierungsebene der Beschluss gefasst, das frei gewordene Gebiet umzugestalten, aber auch in seinem Charakter teilweise beizubehalten. Viele der dann folgenden Entwicklungen entstanden in Zusammenarbeit mit Vertretern der öffentlichen Meinung. In den darauffolgenden Jahren wurden ein Park angelegt, einige alte Schienen entfernt, der alte Uhrturm wurde restauriert, Lagerhäuser und Kaianlagen saniert und überholt. Heute haben die Besucher, Einheimische wie Touristen, die Möglichkeit, dort ein vielfältiges Tagesprogramm zu gestalten, was inzwischen etwa 6 Mio. Besucher pro Jahr anzieht. Für Wissenschaftsinteressierte hat 2001 das Montreal Science Centre seine Türen geöffnet. Bewegungsfanatikern stehen Wege zum Joggen oder Fahrradfahren zur Verfügung. Der Besucher, der einfach nur einen schönen Frühlingstag abseits der hektischen Geschäftsstraßen genießen will, lässt sich im Park oder auf einem Pier nieder. Und auch von der Wasserseite kann man in kleinen Freizeitbooten diesen so europäischen Teil einer kanadischen Metropole auf sich wirken lassen, der im Hintergrund von Wolkenkratzern umrahmt wird. Man hat es in Montreal tatsächlich geschafft, dass das Alte und das Neue in ihrer jeweils eigenen Funktionsweise ihre Daseinsberechtigung behalten und aus dem Alltag und dem Antlitz der Stadt nicht mehr wegzudenken sind.