Mehr Selbstbewusstsein. Weniger Befangenheit

Mehr Selbstbewusstsein. Weniger Befangenheit

Viele kennen das Gefühl: Man steht vor einer Gruppe und soll einen Vortrag halten. Oder man soll in einem großen Meeting mit vielen fremden Personen einen Beitrag geben. Oder bei einer Firmenfeier mit Kollegen interagieren, die man gar nicht kennt. Nicht jeder fühlt sich in einer solchen Situation wohl, nicht jeder verhält sich gelassen und natürlich. Bei den meisten schleicht sich schwach oder auch stark das unangenehme Gefühl ein, man werde beobachtet, und die Frage „Was denken die anderen jetzt von mir?“.

Zweifel führen zu Unproduktivität
Solche Gedanken sind irrational und leiten unseren Fokus von unserer Tätigkeit und deren Ergebnis, welches schließlich unser Produkt ist, weg und verschieben den Fokus auf die anderen, auf unsere Umgebung und deren Theorien über die Welt und uns. Nichts könnte unproduktiver sein. Denn sobald wir mehr darüber nachdenken, was andere Menschen in einer bestimmten Situation von uns halten, als an unsere Fähigkeiten, Talente und erzielbaren Erfolge zu glauben, zweifeln wir unbewusst an der wahren Existenz dieser Talente. Wenn wir uns unseres Könnens plötzlich nicht mehr sicher sind, führt das in vielen Situationen dazu, dass wir eine Meinung vielleicht nicht äußern, eine Argumentation nicht führen, eine Aufgabe, eine Herausforderung nicht annehmen – weil wir nicht sicher sind, ob wir dabei ein gutes Ergebnis erzielen können.

Der Mensch als Teil einer Gemeinschaft
Die Angewohnheit des Menschen, auf die Meinung der anderen Acht zu geben und sich selbst in seine unmittelbare und mittelbare soziale Umgebung einzuordnen, hat uralte Wurzeln. Als Menschen noch in Stammesgemeinschaften lebten, war die Rolle des Individuums eine völlig andere und in erster Linie dem Wohl und dem Überleben der Gemeinschaft untergeordnet. Tat jemand etwas, das von der Mehrheit nicht anerkannt war, oder gar einen Fehler, der die Gruppe gefährdete, wurde ihm sofort die Missgunst der Stammesgemeinschaft angetragen, vielleicht sogar in der Konsequenz der Ausschluss aus der Gemeinschaft. Als soziale Wesen haben wir dieses Verhalten immer noch nicht ganz abgelegt: Der Mensch will dazugehören, er will nicht anecken. Nichtsdestotrotz kann man auch herausstechen, ohne anzuecken und Trümmer zu hinterlassen. Und sich selbstbewusst zu positionieren heißt nicht automatisch, dass man bei den anderen aneckt.

Lebensphilosophie
Wir müssen ein Gespür dafür bekommen, wann unser Verhalten eingeschränkt wird von der Furcht vor der Meinung anderer, und uns dazu zunächst unserer Situation und unserer Persönlichkeit bewusst werden.
Was können wir am besten? Wofür schätzen uns die Personen in unserer näheren Umgebung?
Was ist unsere Motivation im Job und im täglichen Leben?
Was ist oder wäre ein Leitmotto, das uns und unser Verhalten beschreibt?
Welche Qualitäten schätzen wir an anderen Menschen?
Wie viele dieser Qualitäten und welche besitzen wir selbst?
Die Beantwortung dieser und ähnlicher Fragen können hilfreich sein, um ein runderes Bild von sich selbst zu bekommen und eine Art Lebensphilosophie zu entwickeln.

So eine Lebensphilosophie kann schnell zu einer Leitlinie werden, die uns auch bei Entscheidungen Halt gibt, sowohl im Privat- als auch im Berufsleben. Unsere Entscheidungen nach eigenen Gesichtspunkten zu treffen, gibt wiederum Selbstbewusstsein, weil wir das Gefühl haben, Dinge entsprechend der Lebensphilosophie richtig zu machen und wir selbst zu sein. Das macht uns bei unseren Entscheidungen automatisch weniger anfällig für die Meinung anderer. Wenn uns dennoch irgendwann erneut der Gedanke packt, was die anderen wohl von uns denken, und uns in unserem Handeln einschränkt, können wir uns gleich auf unsere Leitlinien zurückbeziehen und damit unsere weitreichenderen Ziele im Auge behalten.

Kritik nutzen
Dies heißt selbstverständlich nicht im Umkehrschluss, dass wir uns vollkommen von der Meinung unserer Mitmenschen abschotten und uns jeglicher Kritik verschließen. Im Gegenteil ist es wichtig, dass wir uns eine Handvoll Personen auswählen, zu denen wir ein besonderes Vertrauen hegen, deren Gedanken wir schätzen und von denen wir wissen, dass uns der Umgang mit ihnen persönlich guttut. Um charakterlich, persönlich und beruflich zu wachsen, sollten wir uns regelmäßig von diesen Menschen ein Feedback einholen. Dies darf auch Kritik beinhalten, denn Kritik ist nichts Negatives, sondern – wenn von einer für einen selbst wichtigen Person geäußert – Antrieb, um uns zu verbessern, um zu lernen, um zu wachsen. Wenn wir merken, dass wir aus Fehlern lernen, dass wir an Herausforderungen wachsen und uns bereit fühlen für die nächste Schwierigkeit und die nächste Stufe, gibt uns auch das Selbstbewusstsein. Und so stehen wir irgendwann mit unserer Leitlinie sicher auf unserer Position, ohne dass uns mögliche Bewertungen von anderen ins Wanken bringen. Das ist nicht der einfachste Weg, denn er bedarf Anstrengung, Reflexion, Kritikfähigkeit, Standhaftigkeit und einiges mehr. Aber all diese Dinge können wir lernen und in uns zum Wachsen bringen, um mehr Selbstbewusstsein zu bekommen.