Manchmal muss man nein sagen

Manchmal muss man nein sagen

Ja und nein – zwei kleine Wörter, die eine Entscheidung maßgeblich wenden können. Die zwischenmenschliche Beziehungen beeinflussen können. Und die auch auf jeden von uns im Alltag, in unserer Entwicklung und im Charakter Einfluss haben.

Schauen wir in die Berufswelt. Wenn wir einen Kollegen um etwas bitten, erhoffen wir uns von ihm ein Ja. Wenn wir in einem Meeting eine neue Idee präsentieren, von der wir überzeugt sind, wünschen wir uns von den Kollegen und vom Vorgesetzten ein zustimmendes Ja, das die Implementierung dieser Idee absegnet.
Dasselbe passiert auch umgekehrt: Menschen kommen auf uns zu mit einer Bitte, mit einer Idee, mit einem Auftrag. Und wir sagen ja. Manchmal ohne weiter darüber nachzudenken, denn manche Menschen haben eine derart suggestive Art an sich, die uns fast keine andere Wahl lässt, als mit unserem Ja zuzustimmen. Oder auch weil es in dem Moment gerade einfacher ist, das Thema mit einem kurzen Ja zu beenden. Oder weil wir aus Sympathie für unser Gegenüber unsere Unterstützung nicht verweigern wollen.
Ja zu sagen, ist aber nicht immer die beste Variante, weder für uns noch für die Gesamtsituation.

Die Zeit
Arbeit, Familie, Freunde, Hobbies, ein bisschen Zeit für sich selbst – es gibt so viele Dinge, die wir in einem Monat, in einer Woche, in einem Tag unterbringen müssen und wollen. Viele Dinge können wir planen, aber längst nicht alles. Denn manchmal steht kurz vor Feierabend ein Kollege vor einem, der noch eine kleine, aber sehr wichtige Bitte für sein Projekt an uns hat. Oder ein Freund fragt uns, ob wir am Wochenende auf seine Kinder aufpassen können.

Wir alle wissen aber, dass unsere Zeit begrenzt ist. Jeder von uns hat 24 Stunden am Tag zur Verfügung, in denen er neben Schlaf seine Verpflichtungen wie auch selbst gesuchte Aktivitäten unterbringen kann. Sobald für diese endliche Zeit die To-do-Liste unendlich wird, entsteht Stress. Zunächst zeitlicher Druck, weil wir versuchen, alles so ineinanderzustecken, dass wir am Ende doch alles schaffen. Dann qualitativer Stress, weil wir durch den Zeitdruck manches schneller und mit weniger Konzentration abwickeln. Mittelmäßige Ergebnisse und Unzufriedenheit bei allen Beteiligten sind häufig die Folge. Es kann aber auch persönlicher Stress entstehen, weil wir im Job wie auch im privaten Umfeld niemanden enttäuschen wollen, wenn wir plötzlich sagen, dass wir es doch nicht schaffen.

Wenn wir uns zusätzlich zu unserem einigermaßen festen Programm noch überhäufen mit der Erfüllung von Wünschen und Bitten anderer, wenn wir immer ja sagen, obwohl wir wissen, dass kein Raum mehr ist, sind solche Stresssituationen vorprogrammiert. Sie können auf lange Sicht noch viel tiefgreifendere Formen annehmen als nur das punktuelle Gefühl, wir seien überfordert. Für unser eigenes Wohlbefinden also müssen wir lernen, zwischen den vielen Jas auch mal ein Nein einzustreuen.

Die Bequemlichkeit
Leider ist der Mensch in den meisten Fällen ein Wesen, das sich immer den einfachsten Weg sucht. Evolutionsgeschichtlich macht dies auf den ersten Blick durchaus Sinn, denn ein einfacher, schneller Weg schont Ressourcen. Einer Sache zuzustimmen und ja zu sagen, ist oft der einfachere Weg. Einfacher, als sich mit dem Sachverhalt eingehend auseinanderzusetzen und sich eine vielleicht konträre Meinung zu bilden. Einfacher, als möglicherweise in die Konfrontation zu gehen, für seine eigene andere Meinung zu argumentieren und sie vehement zu verteidigen. Schließlich möchte man auch nicht als ständiger Nein-Sager außerhalb des Teams stehen.

Genau diese Konfrontation aber ist es, die wir in der Arbeits- und Unternehmenswelt brauchen. Nicht, um uns aneinander aufzureiben und Kräfte zu messen. Im Gegenteil: Um Dinge gemeinsam nach vorne zu bringen. Klingt paradox?
Erst dadurch, dass in einem Meeting, in einer Diskussion jemand eine andere Meinung vertritt, wird ein Thema plötzlich von einer anderen, nämlich der Seite dieser Person beleuchtet. Möglicherweise fühlen sich weitere Mitarbeiter angetrieben, den neuen Gedanken weiterzuspinnen und so entwickelt sich Stück für Stück ein spektrales Bild. Wir sehen das Thema in seiner Vielschichtigkeit, können positive und negative Aspekte besser voneinander trennen und zu einer Schlussfolgerung kommen, die der anfänglichen Idee vielleicht diametral gegenübersteht. Dies kann am Ende auch bedeuten, dass z. B. eine Produktstrategie verändert wird, weil man im Konsens mit allen Jas und Neins der Gruppe die ursprüngliche Idee nicht mehr für richtig hält.

Bequem ist dies nicht, denn es bedeutet im Vorfeld, dass wir uns Gedanken machen. Dass wir uns mit der Materie auseinandersetzen und Ideen entwickeln. Schnell ist dies auch nicht, denn zusätzlich zur gedanklichen Vorarbeit bedeutet Veränderung immer, dass man Althergebrachtes abwirft, neue Wege denkt und geht und Prozesse weiterentwickelt.
Aber genau dadurch, durch neue Gedanken und neue Wege, entstehen Entwicklung, Fortschritt und Innovation. Für die Unternehmen aber auch für jeden einzelnen von uns.