Frischer Fisch im Flug

Frischer Fisch im Flug

Obwohl die Ressourcen bekanntermaßen immer knapper werden, ist der Fischkonsum in den vergangenen Jahren weltweit gestiegen. Als Bestandteil einer bewussten Ernährung, als Proteinquelle für Menschen, die den Fleischkonsum reduzieren, oder ganz einfach als schmackhaftes Nahrungsmittel, das sich auf vielfältige Weise köstlich zubereiten lässt – Fisch ist weiter im Trend. In Deutschland lag der jährliche Pro-Kopf-Konsum in den letzten zehn Jahren schwankend zwischen 13,5 kg und 15,7 kg Fanggewicht. Dazu zählen natürlich auch die Fischstäbchen aus der Tiefkühltruhe oder die Ölsardinen aus der Dose. Aber eben auch frischer Fisch.

Wer frischen Seefisch essen möchte, muss an die Küste fahren oder zumindest in eine Hafenstadt. So lautet eine weitläufige Meinung, wenn es darum geht, wo der Fisch am frischesten ist und wo er in der größten Vielfalt umgeschlagen und angeboten wird. Es stimmt sicherlich, dass ein Fisch, den man an der Nord- oder Ostseeküste direkt vom Kutter kauft, an Frische nicht überboten werden kann. Alles andere aber… stimmt nicht wirklich. Der größte deutsche Hafen in Hamburg als größtes Fischzentrum? Leider nicht. Stattdessen ist der größte Umschlagplatz für frischen Fisch in Deutschland ein anderer Hafen, nämlich der Flughafen von Frankfurt. Denn der meiste Fisch in unseren Fischtheken stammt nicht aus heimischen Meeren und Gewässern, sondern aus Übersee und wird mit großem logistischen Aufwand zu uns gebracht.

25.000 Tonnen Frischfisch und Meerestiere, auch als Flugfisch bezeichnet, werden am Frankfurter Flughafen jedes Jahr umgeschlagen. Aus der ganzen Welt kommen die frischen Fische und Meeresfrüchte per Flugzeug ins Land. Etwa die Hälfte in speziellen Frachtmaschinen, der Rest mit gewöhnlichen Passagierflugzeugen, neben dem Gepäck und sonstiger Fracht. Aus über 40 Ländern wird Fisch eingeflogen, der größte Teil aus Südafrika, Namibia, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Norwegen, Katar, Griechenland, der Türkei, Sri Lanka, Island und den USA. Sie haben also zum Teil bereits lange Strecken zurückgelegt.
Schon dieser erste Teil der Transportkette ist ein großer logistischer Aufwand, wie immer, wenn es um Kühlware geht. Denn nichts ist bei dieser Produktgruppe schlimmer als eine Unterbrechung der Kühlkette. Generell ist das Luftfrachtgeschäft dann besonders rentabel, wenn die Ware an sich sehr wertvoll ist oder wenn eine Ware durch ihre Beschaffenheit auf besondere Weise geschützt oder gekühlt werden muss. So müssen also alle Transportschritte für die Kühlware genau getaktet und auf einander abgestimmt sein, ansonsten drohen hohe Verluste. Und es liegt auf der Hand, dass vom Fang des Fisches bis zu seiner Unterbringung im Bauch des Flugzeugs keine Tage, sondern nur Stunden vergehen dürfen.

Sind die Fische einmal am Flughafen Frankfurt gelandet übernimmt ein riesiges Verteilzentrum die weiteren Aufgaben. Das sogenannte Perishable Center (PCF) für leicht verderbliche Ware verschiedener Art bietet auf 9.000 m² alle nötigen Vorrichtungen, um die einzelnen logistischen Prozessschritte nach strengsten Anforderungen abzuwickeln. Es ist als sogenannter Port of First Entry zugelassener EU-Grenzkontrollpunkt und verfügt für unterschiedliche Produktgruppen über zwanzig verschiedene Kühlzonen, die eine Temperaturumgebung von -25°C bis +25°C bieten. Der Bereich für den frischen Fisch ist EU-zertifiziert und streckt sich über 1.500 m². Hier wird die Ware geprüft, verzollt, gegebenenfalls nachvereist, kommissioniert und dann für den Endbestimmungsort in Deutschland oder Europa vorbereitet. Die Fische und Meeresfrüchte werden bei einer Temperatur von nur 0°C bis 2°C weiterverarbeitet, um die Frische zu garantieren. Das wird durch eine niedrige Umgebungstemperatur, aber zusätzlich auch durch Eis erreicht, welches im langsamen Schmelzprozess den Fisch kühlt, frisch hält und außerdem Bakterien abspült. Alles wird in Echtzeit-Temperaturmessungen überwacht.

Sämtliche involvierten Behörden sind direkt am Flughafen ansässig. Nach der Wareneingangsprüfung auf Temperatur, Unversehrtheit und Vollständigkeit der angegebenen Lieferungen durch das PCF führt das Veterinäramt die vorgegebene Einfuhrkontrollen bezüglich Hygiene- und Gesundheitsstandards durch. Unter seiner Aufsicht werden die Fische außerdem neu vereist und neu verpackt. Sobald das Veterinäramt, die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung und das hessische Landeslabor also grünes Licht für die Einfuhr in die EU gegeben haben, findet die Verzollung durch das Zollamt statt. Die Ware wird für den Empfänger kommissioniert und geht nach der Bestandsführung über sechs LKW-Rampen, die sich ebenfalls im Temperaturbereich 0°C bis 2°C befinden, auf die Lastwagen, die den Fisch an ihren Zielort befördern.

Noch vor zehn Jahren dauerten all diese Abwicklungen in Frankfurt acht bis zehn Stunden. Heute vergehen von der Landung des Flugzeugs bis zum dem Zeitpunkt, an dem der mit Fisch beladene LKW das Perishable Center verlässt, rund vier bis fünf Stunden. Das alles möglich gemacht durch eine optimierte Intralogistik, eine bessere Vernetzung der einzelnen Akteure und eine weiterentwickelte Technik wie z. B. neue Logistik-Software, Temperatursteuerung und -überwachung. Ein Fisch aus Südafrika, das ja nicht gerade um die Ecke liegt, braucht daher häufig nicht mehr als 24 bis 30 Stunden bis zum Verbraucher in Deutschland oder einem anderen Teil von Europa. Dahinter steht eine komplizierte, komplexe Logistikkette, die vor allem durch Schnelligkeit und Prozessgenauigkeit gekennzeichnet ist.