Ein Hafen in der Wiege Europas

Ein Hafen in der Wiege Europas

Er ist wohl der älteste Hafen von Europa. Der älteste Hafen, der als solcher bis heute ohne Unterbrechung seine Funktion erfüllt hat. Und er liegt in dem Land mit der ältesten Kultur in Europa – Griechenland. Über 2500 Jahre geht die Gründung von Piräus als Hafen zurück.

Schon 1300 v. Chr. gibt es die ersten Siedlungen in Piräus. Ab 560 v. Chr. wird ein Wegenetz von Piräus ins Hinterland der Halbinsel Attika und vor allem nach Athen angelegt. Dass 483 v. Chr. Themistokles die Athener überzeugen kann, ihre Kriegsflotte auszubauen und die Basis nach Piräus zu verlegen, stellt sich wenig später als kluger Schachzug heraus. Denn 480 v. Chr. besiegen die Griechen in der Schlacht von Salamis die Perser, woraufhin sich diese nach Asien zurückziehen. Ein Jahr später wird der Hafen von Piräus ausgebaut und in der Folge dann nicht nur als Militärhafen, sondern auch als wichtiger Handelshafen genutzt. Die von Themistokles begonnene und von Perikles vollendete Errichtung der Langen Mauern, die die 6 km lange Verbindungsstraße zwischen Athen und nunmehr seinem Hafen Piräus schützt, trägt zu dessen weiterer Entwicklung bei.

Athen verliert jedoch in der byzantinischen Zeit nach der endgültigen Abspaltung des Oströmisches Kaiserreiches 395 mit Konstantinopel als Hauptstadt an Bedeutung. Vor diesem Hintergrund hat auch Piräus mit seinem Hafen einen Niedergang zu verzeichnen. Zunächst unter Konstantin dem Großen im 4. Jh. n. Chr. noch Flottenstützpunkt, stirbt der Hafen langsam ab, 551 werden die Hafenanlagen bei einem Erdbeben zerstört. Zwar stechen in den folgenden Jahrhunderten immer wieder angehende Kaiser und Kaiserinnen von Piräus in See, die dann in Konstantinopel gekrönt und auf den Thron gehoben werden, aber als großen Handelshafen kann man sich die Stadt nicht mehr vorstellen. Mit dem langsamen Niedergang des byzantinischen Kaiserreiches fallen immer wieder Truppen aus dem Westen ein, 1205 die Kreuzfahrer, in den folgenden Jahren und Jahrhunderten Venezianer und Katalanen, bis 1456 die Osmanen aus dem Osten Athen und Piräus ihrer Hoheit unterstellen.

Auch unter der Osmanenherrschaft, die bis 1824 andauert, wird Piräus immer wieder von Venezianern eingenommen, die den Hafen als Satellitenpunkt im Mittelmeer nutzen. Neben selbstverständlich Konstantinopel sind jedoch andere Häfen wie Thessaloniki und Smyrna weitaus bedeutender für den Handel zwischen West- und Osteuropa, dem Balkan sowie Vorder- und Hinterasien. 1824 dann wird Piräus im griechischen Freiheitskampf von den Türken befreit, und als 1834 die Hauptstadt des freien Griechenlands von Navplio nach Athen verlegt wird, beginnt auch für Piräus wieder der Aufschwung.

Für das Jahr 1850 gibt es erste Zahlen, so legen etwa 7000 Schiffe an und ab, die alle zusammen ein Ladevolumen von 130.000 Tonnen haben. Aber auch 30.000 Passagiere, 28.000 von ihnen inländische (Handels-) Reisende, werden befördert, denn Piräus war auch damals schon ein bedeutender Ort, um in See zu stechen oder an Land zu gehen. Zehn Jahre später stehen im Hafenregister 301 Segelfrachtschiffe mit einem Hub von fast 15.000 Tonnen, woran sich auch erkennen lässt, wie sich in der Zwischenzeit die Größe der Schiffe verändert hat. 1868 werden Kaianlagen gebaut, 1869 die Eisenbahnverbindung nach Athen fertiggestellt und 1876 der erste Löschkran installiert. In den folgenden Jahren wird eine notwendige Vertiefung des Hafen vorgenommen, um das steigende Verkehrsaufkommen bewältigen zu können. Bezeichnend für die so begonnene Entwicklung, kann man für das Jahr 1890 einen jährlichen Umschlag von 1,5 Mio. Tonnen feststellen, fünfzehn Jahre Später 3,25 Mio. Tonnen. Zwei wichtige Meilensteine im weiteren Fortgang sind die Gründung des Hafenkomittees 1911 und der Piraeus Port Authority (OLP) 1930, die noch heute für die gesamte Verwaltung des Hafens verantwortlich ist. Bereits zwei Jahre danach wird die Freihandelszone eingerichtet, die bis heute besteht, und man installiert die ersten beiden Brückenkrane, den Vorläufer der vollmodernen Containerbrücken.

Griechenlands Engagement im Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie nicht zuletzt auch die deutsche Besatzung des Landes werfen den Hafen um Jahre zurück. Explosionen von Munitionslieferungen zerstören 1941 große Teile des Hafens und hinterlassen erheblichen materiellen Schaden in der Stadt. Deutsche Truppen sprengen bei ihrem Abzug 1944 Kaimauern und Hafenanlagen in die Luft. Trotz sich anschließendem Bürgerkrieg werden ab 1945 viel Energie und Gelder aufgewendet, um den Aufbau und die Entwicklungen im Hafen wie auch der Stadt selbst wieder voranzutreiben.

1975 wird die erste Containerbrücke in Betrieb genommen, drei Jahre später muss der Containerterminal bereits erweitert werden, und im folgenden Jahr wird ein Lager für Kühlcontainer eröffnet. Aber es bleibt in den kommenden Jahrzehnten nicht nur bei bloßen Erweiterungen, Ausdehnungen und Vergrößerungen. Auch andere Qualitäten werden in den Hafen integriert. So wird das zentrale Gelände, in dem auch die Verwaltung angesiedelt ist, durch Bäume begrünt. Teile der alten Stadtmauer, ein Stück des Erbes aus antiker Zeit, werden restauriert. Der Zentrale Passagierterminal erhält eine Co-Funktion als Ausstellungsort, in dem nationale und internationale Ausstellungen laufen. Zu den Olympischen Spielen von Athen 2004 gibt es das Programm Olympische Gastfreundschaft, in dem unter den Aspekten Sicherheit und Bequemlichkeit Sportler der verschiedenen Mannschaften wie auch Zuschauer der Spiele auf Schiffen als schwimmenden Hotels im Hafen von Piräus untergebracht werden, was sich als voller Erfolg herausstellt.

Heute ist Piräus mit einer Fläche von rund 39 km² einer der geschäftigsten Häfen der Welt. Auf seinen Containerumschlag in Höhe von 3,67 Mio. TEU bezogen, liegt er 2016 weltweit auf Platz 38 und ist außerdem der größte Containerhafen Griechenlands und des gesamten östlichen Mittelmeerraums. An drei Containerterminals gibt es Kapazitäten von 6,7 Mio. TEU. Ein Cargoterminal bietet eine Umschlagkapazität von 25 Mio. Tonnen sowie Lagerflächen im Umfang von 180.000 m². Außerdem verfügt der Hafen über einen Autoterminal mit Lagermöglichkeiten für 12.000 Autos auf 180.000 m² Fläche und Umschlagkapazitäten von jährlich 670.000 Einheiten. Aber Piräus ist nicht nur für den Warentransport von Bedeutung: Auch als Anlaufpunkt für Kreuzfahrten und regionale Schiffsreisen belegt er mit zuletzt 19 Mio. Passagieren pro Jahr den dritten Platz der Welt und den ersten in Europa. Basierend auf den wirtschaftlich positiven Entwicklungen im griechischen Tourismus, sind die Tendenzen hier steigend.

Im Rahmen von Privatisierungsauflagen sah man sich vor ein paar Jahren gezwungen, Anteile des Hafens an den Höchstbietenden zu verkaufen. Der Zuschlag ging an den chinesischen Riesen Cosco aus Shanghai, der mit Wirkung vom 10.08.2016 nun 51% der Anteile am Hafen hält, bei gleichzeitiger Beibehaltung des Namens des Hafenbetreibers Piraeus Port Authority (OLP). Sehr schnell hat man mit der praktischen Umsetzung eines umfassenden Investitionsplanes begonnen. Diese Investitionen beziehen sich vor allem auf die Verbesserung der Infrastruktur durch Modernisierung von Kaimauern, Bodenbelag, Schienen und des Stromnetzes. Bereits anderthalb Jahre nach der teilweisen Übernahme durch Cosco konnten kürzlich für das Jahr 2017 in den Gewinnen ein Zuwachs von 68,8% (von 6,7 Mio. € auf 11,3 Mio, €) und im Gesamtumschlag ein Anstieg um 7,7% (von 103,5 Mio. € auf 111,5 Mio. €) verzeichnet werden. Mit diesen positiven Zahlen blickt man zuversichtlich in die Zukunft.

2500 Jahre Geschichte auf dem Rücken. Ein Ballast, der einen in die Knie zwingen könnte. Aber wie die Griechen selbst in ihrer bewegten Geschichte, so ist auch ihr wichtigster Hafen Piräus mit all den Menschen, die dort arbeiten, immer wieder auf die Beine gekommen und er reiht sich ein in die bedeutendsten Häfen Europas und der Welt. Mit diesen positiven Zahlen aus dem vergangenen Geschäftsjahr blickt man zuversichtlich in die Zukunft und nimmt sich weiterer neuer Herausforderung an.