Die Banane und die Logistik

Die Banane und die Logistik

Donnerstagnachmittag, gegen 16.00 Uhr. Das Mittagessen liegt schon ein paar Stunden zurück. Der Energieschub aus dem bunten Salat, etwas Brot und einem gegrillten Fisch mit anschließendem Espresso, den es im schicken Bistro um die Ecke gab, lässt langsam nach und macht dem Nachmittagstief Platz. Der Feierabend ist aber noch nicht so schnell in Sicht, und so muss eine Lösung her, um die nächsten Stunden durchzuhalten und die noch anstehenden Aufgaben konzentriert abzuschließen.

Manch einer greift nun vielleicht zum Schokoriegel, holt die Kekspackung aus der Schreibtischschublade oder besorgt sich schnell ein Stück Kuchen beim Bäcker nebenan. Vielleicht noch einen Becher Kaffee dazu, passt dann ja irgendwie zum Nachmittag. Andere schwören hingegen auf eine Portion Obst oder machen sich, je nach Ausstattung der Büroküche, schnell einen Smoothie. Fruchtzucker, Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente geben dem Gehirn schnell einen Kick, um wieder gute Leistungen zu bringen.

Beliebter Akteur sowohl auf dem Obstteller als auch im Smoothie ist dabei die Banane, denn sie versorgt uns nicht nur mit hochwertigen Inhaltsstoffen, sondern ruft auch ein gewisses Sättigungsgefühl hervor. Sie ist das ganze Jahr über im Supermarkt erhältlich, seit Jahren neben der konventionellen Banane auch aus fairem Handel und/oder Biolandwirtschaft. Und sie ist für uns ein so normaler und alltäglicher Bestandteil unserer Ernährung geworden wie ein einheimischer Apfel oder ein Brot. Dabei kommt sie von weit her tausende Kilometer über den Erdball zu uns gereist. Zwar gibt es auch in Europa Bananenanbau, auf Kreta und Zypern beispielsweise. Das wäre nach Nordeuropa definitiv ein kürzerer Weg, allerdings gelangen diese Bananen nicht in die Exportkette. Auch die Anbauregionen in Asien und Afrika haben eher lokale und regionale Absatzmärkte. Und so finden wir in der Obstauslage Bananen meist aus Mittel- und Südamerika. Die drei größten Bananen exportierenden Länder sind Ecuador, Guatemala und Costa Rica, die knapp über 40% des weltweiten Bananenexports decken.

1,3 Millionen Tonnen Bananen importiert Deutschland jedes Jahr. Ein kleiner Teil davon geht in die Industrie zur weiteren Verarbeitung in z. B. Joghurt, Eis, Bananenchips, Gebäck. Die meisten werden allerdings direkt als Rohfrucht konsumiert. In Deutschland verzehrt jeder Bürger pro Jahr im Durchschnitt 10,5 kg Bananen. Das ist der höchste Pro-Kopf-Konsum in Europa. Die wenigsten Konsumenten allerdings fragen sich, wie die Banane zu uns kommt und wie ihre Reise eigentlich aussieht.

Vor der Ernte der Banane steht leider ein Anbau, der mit eher negativen Schlagzeilen von sich reden macht. Da inzwischen der Großteil der Bananenkonsumenten auf der Nordhalbkugel an ausschließlich eine Sorte gewöhnt ist, findet man fast überall in den exportierenden Ländern Monokulturen. Anbau, Pflege und Ernte sind sehr arbeitsintensiv, was aber in der konventionellen Produktion (anders als bei fairem Handel und biologischem Landbau) nicht automatisch zu vielen Arbeitsplätzen führt, sondern vor allem zu unmenschlichen Arbeitsbedingungen auf den Plantagen, unter Missachtung von Menschen- und Arbeitsrechten. Ein hoher Pestizideinsatz belastet die Plantagenarbeiter zusätzlich und gelangt zudem ins Grundwasser, in die Luft und in die Früchte selbst.

Wenn die Bananen dann aber geerntet sind, geht die lange Kette von Logistikschritten los, an deren Ende wir als Verbraucher am anderen Ende der Welt sitzen, und unsere frisch geschälte Banane an unserem Bürotisch verspeisen. Nach der Ernte werden die Bananen nach Größe sortiert, mit Wasser und einem Fungizid gewaschen, getrocknet, mit einem Aufkleber eines der großen internationalen Bananenvertreiber, mit denen die meisten Plantageneigner unter Vertrag stehen, versehen und in Strängen verpackt. Das geschieht häufig in Anlagen, die den Plantagen angegliedert sind, denn so kann der Produzent die Qualität besser sicherstellen. Die meisten Produzenten verpacken ihre Bananen mittlerweile in Boxen mit bestimmten Code-Etiketten, die der Nachverfolgung der Ware dienen. Mit diesem Code sind auch später am Ankunftsort immer noch z. B. die Plantage, das Ernte- und Versanddatum abrufbar.

Als Verpackung dient gewöhnlicherweise ein stabiler Pappkarton, der mit einer Plastikfolie ausgelegt ist. Seinen Zielort in Europa erreicht ein solcher Karton nach Vorgabe mit einem Gewicht von 18 kg, aufgrund möglicher Gewichtsverluste z. B. durch leichte Verdunstung aus der Schale werden die Kartons mit etwa 18,5 bis 18,7 kg bepackt. Oft werden die Bananen dann in den Kartons auf Paletten etwa 12 bis 14 Stunden zur Vorkühlung in Kühlkammern bei einer Temperatur von knapp über 13°C untergebracht. Im Anschluss geht es von dort aus über die Straße per LKW oder über Flüsse per Barge ans Meer, bei ständiger Kühlung. Hier werden die Bananen entweder in Kühlcontainern auf die Frachtschiffe oder auf ihren Paletten in den Frachtraum von Kühlschiffen verladen. Seit der Ernte sind bisher nur 24 Stunden vergangen. Die große Reise über den Ozean beginnt, die etwa zwei Wochen dauert.

Die großen Händler, deren Bananen in gefühlt allen Supermärkten der Welt liegen, Chiquita, Dole und Del Monte verfügen über eine eigene Flotte von Bananenfrachtern. Andere greifen auf die Dienstleistung großer Logistikunternehmen zurück. So oder so müssen die Bananen auf jeden Fall in Kühlcontainern transportiert werden, denn eine Temperatur unter 13°C und über 18°C ändert zwar nicht direkt die Qualität der Banane, verändert aber ihr Erscheinungsbild – und der Konsument möchte keine Banane mit durch Unterkühlung braun gewordener Schale kaufen, wenngleich die Frucht selbst einwandfrei reif ist. Der ökologische Fußabdruck einer Banane – ja, auch die Banane hat einen ökologischen Fußabdruck! – wird durch die Transportweise stark verschlechtert: Die Containerschiffe laufen ohnehin fast alle mit Schweröl, die tagelange Kühlung einschließlich Luftzirkulation verschlingt zusätzliche Energie.

Einmal im Zielland angekommen, landen die Paletten dann zu einer weiteren langsamen Reifung in Reifungskammern. Auch dort liegt die Temperatur zwischen 13°C und 18°C, zusätzlich werden mit der Luftzirkulation aber auch noch Ethylengase und Kohlenwasserstoff in die Kammern geleitet, die den Reifungsprozess ankurbeln und steuerbar machen. Von nun an sind die Wege kürzer. Die für den Verkauf bereiten Bananen gelangen über den Großhändler in Supermärkte, Biomärkte, auf Wochenmärkte, zu Obsthändlern. Wo wir sie einfach nehmen, in unseren Einkaufkorb legen und am nächsten Tag zum Frühstück oder im Büro essen.

10,5 kg verzehrt jeder Deutsch im Schnitt pro Jahr, das entspricht etwa hundert Bananen, manche Leute essen sogar mehr, nämlich jeden Tag eine. Jeder kann sich einmal ausrechnen, wie viele Bananen er oder seine Familie in zehn Jahren oder in einem ganzen Leben isst. Man kommt auf unglaubliche Zahlen. Und Sie wissen spätestens jetzt, welcher logistische Aufwand hinter jeder Banane steckt. Denken Sie also bei Ihrem nächsten Smoothie oder dem nächsten Obstteller daran, was für eine Reise die Banane hinter sich hat.